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Vom Häuserkampf zur Wohnungsgenossenschaft

Die ausführliche Chronik zur Gründung der Luisenstadt eG und darüber hinaus (bis 1992).
Aus einer Hausarbeit von Susanne Bücher und bearbeitet/erweitert von Uwe Gaschler.

1978 Der Berliner Senat legt den Bereich zwischen Zoologischem Garten und Südlicher Friedrichstadt mit einem Ergänzungsareal im Sanierungsgebiet Kottbusser Tor, konkret zwischen Manteuffel- und Mariannenstr., als Ausstellungsraum für die Internationale Bauausstellung (IBA) 1984 fest.

1979 Die Arbeitsgruppe Stadterneuerung der Altbau-IBA, ein Team von ca. 46 Leuten, meist Stadtplaner oder Architekten, nimmt unter der Leitung durch Prof. Hardt-Waltherr Hämer ihre Tätigkeiten - mit dem Demonstrationsschwerpunkt um das Kottbusser Tor und rund um den Görlitzer Bahnhof - für die Bauausstellung 1984 auf. Dabei soll das anspruchsvolle Programm des Berliner Senats, die Innenstadt wieder als Wohnort zu entdecken, umgesetzt werden. Eine der Ausgangsideen der Altbau-IBA ist die weitestgehende Miteinbeziehung der Mieter und Bürger eines Quartiers in die Planungen und Entscheidungen über ihr Haus und ihre Nachbarschaft.

1980 Zusammenarbeit der Altbau-IBA mit den vorhandenen Betroffenenorganisationen Mieterladen Dresdener Straße, dem Verein SO 36 und dem Stadtteilausschuss SO 36. Die Altbau-IBA bemüht sich mit fachlichen Beiträgen nachzuweisen, dass alte Mietshäuser gut und kostengünstig zu erneuern sind, und dass bei allen Planungsentscheidungen in einem Stadtteil die Betroffenen ein gewichtiges Wort mitreden sollten und ihre Interessen einbringen können.

März 1981 Bis Mitte des Monats sind alle der neun leer stehenden Häuser im Block 103 besetzt oder teilbesetzt. Es handelte sich um die Mariannenstr. 48, Manteuffelstr. 39, 40/41 und 42, Oranienstr. 3, 13, 14 und die Naunynstr. 77.

April 1981 03.04.81: Mieterladen Dresdener Straße bildet Blockverbund und arbeitet zusammen mit IBA ein Blockkonzept für den Block 103 aus, dass nach der Vorstellung beim Bauausschuss Berlin-Kreuzberg die Zustimmung des Bezirksamtes erhält.

Mai 1981 10.05.81: Neuwahlen in Berlin, da der Senat Anfang des Jahres zurückgetreten ist. Die CDU gewinnt und wird in Kreuzberg stärkste Fraktion. Richard v. Weizsäcker wird neuer Bürgermeister in Berlin, Ulrich Rastemborski neuer Bausenator. 

13.05.81: Die SAMOG tritt aus ihrem Sanierungsplan für den Block 103 aus.

Juni 1981 02.06.81: Der neue Regierende Bürgermeister der CDU, Richard von Weizsäcker, formuliert neue Leitlinie: ,,Instandsetzung vor Modernisierung und Modernisierung vor Sanierung, also vor Abriss und Neubau."

Für den Block 103 ist kein neuer Sanierungsträger in Sicht, dafür aber Räumungsandrohungen.

30.06.81: Das neue Bezirksamt Kreuzberg wird gewählt. Günter Funk (CDU) wird Bezirksbürgermeister. Die Alternative Liste (AL) besetzt (!) das Bauressort mit dem parteilosen Werner Orlowsky. Er bleibt bis 1989 der Baustadtrat von Berlin-Kreuzberg.

September 1981 Der Bauplan der Altbau-IBA für das Sanierungsgebiet Kottbusser Tor wird auf einer Klausurtagung der Berliner CDU beschlossen.

22.09.81: Während der Räumung von acht besetzten Häusern in der Innenstadt kommt Klaus-Jürgen Rattay ums Leben. Die Konfrontationen verstärken sich auch in SO 36. Die Kreuzberger Bezirksverordnetenversammlung bildet einen Sonderausschuss zu den besetzten Häusern, fast alle Initiativen und Kirchengemeinden übernehmen Patenschaften für die Häuser und unterstützen somit die Verhandlungen über die Legalisierung der Häuser.

Oktober 1981 IBA schlägt neues Sanierungsträgermodell vor.

1982 Die Kahlschlagsanierung wird offiziell vom Berliner Senat und vom Abgeordnetenhaus als gescheitert erklärt.

Frühjahr 1982: Die 12 Grundsätze für behutsame Stadterneuerung (IBA) werden vom Bezirksamt Kreuzberg beschlossen.

In der BI SO 36 bildet sich eine Gruppe, die Vorstellungen über die Gründung eines Trägers für die noch besetzten Häuser im 'Strategien' - Gebiet entwickeln will. Die Bewohner der besetzten Häuser streben keine Einzellösungen an, sonder wollen Gesamtlösungen für alle Häuser.

Der Träger Netzbau, der für die Übernahme der Häuser im Sanierungsgebiet Kottbusser Tor vorgesehen war, löst sich selbst auf.

1983 Auf den Blockversammlungen des Blocks 103 wird über eine genossenschaftliche Übernahme der Häuser diskutiert.

Febr. 1983 Nach langen Gesprächen zwischen Baustadtrat Orlowsky, der IBA und den Bewohnern des Blocks 103 kommt es zur Gründung der STATTBAU GmbH, einem alternativen Sanierungsträger, bei dem die Bewohner 50 % der Stimmen im Aufsichtsrat erhalten sollen. Die zwölf Grundstücke der SAMOG werden STATTBAU übergeben.

März 1983 17.03.83: Die 12 Grundsätze für behutsame Stadterneuerung (IBA) werden auch vom Berliner Abgeordnetenhaus als Leitlinie für die Stadterneuerung beschlossen.

April 1983 42 Gewerbetreibende fordern in einem Schreiben an den Bausenator Klaus Franke (CDU) die Legalisierung der instandbesetzten Häuser im Block 103 und das Einsetzen des neuen bewohnermitbestimmten Sanierungsträgers STATTBAU GmbH.

September 1983 05.09.83: Der Bausenator unterschreibt den Sanierungsvertrag, der STATTBAU als Sanierungsträger für die zwölf ehemaligen SAMOG-Häuser im Block 103 und für eins im Block 104 (Oranienstr. 198) einsetzt und verpflichtet, nach den zwölf Grundsätzen der behutsamen Stadterneuerung und den Konzepten der IBA zu handeln. Außerdem beinhaltet der Vertrag eine Privatisierungsklausel, die besagt, dass die Grundstücke den Nutzergruppen nach der Sanierung zur möglichst langfristigen Nutzung überlassen und Erbbaurechte eingeräumt werden sollen.

Mai 1984 01.05.84: Im Zuge des traditionellen Stadtteilfestes kommt es zu einem großen Aufruhr und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen linken Demonstranten und der Polizei. Grund war u. a. die nicht mehr geltenden Verabredungen zur Mietenfrage.

September 1984 Die für dieses Jahr geplante Internationale Bauausstellung wird auf 1987 verschoben. 1984 wird zum offiziellen Berichtsjahr der IBA. Bei der Eröffnungsveranstaltung in der Philharmonie protestieren Kreuzberger Bewohner u. Initiativen, da entgegen den Versprechungen im Sanierungsgebiet Mieterhöhungen anstehen und der Senat die Mittel für die Stadterneuerung kürzt.

1984/1987 Öffentliche Förderung der Bau- und Ökomaßnahmen als Modellvorhaben des Bundes am Block 103 zur IBA 84/87.

Oktober 1984 25.10.84: Das letzte besetzte Haus in Kreuzberg, die Reichenberger 63a, wird geräumt. Berlin soll bis zu den Wahlen 1985 'besetzerfrei' sein.

Januar 1986 01.01.86: Die Altbau-IBA löst sich auf und gründet als förmliche Nachfolgerin der Arbeitsgruppe Stadterneuerung die Gesellschaft S.T.E.R.N. GmbH (Gesellschaft zur behutsamen Stadterneuer-ung mbH), die ab nun auch Aufgaben im Bereich der privaten Wohnungsmodernisierung übernehmen.
Einziger Gesellschafter nach der erfolgten Privatisierung ist Prof. Hämer. Der Senat hat im Aufsichtsrat eine Mehrheit, ist somit Auftraggeber und Kontrolleur gleichermaßen. Daher wird S.T.E.R.N. fortan von Stadtteilgruppen wie dem Verein SO 36 e. V. kontrovers betrachtet.

April 1986 25.04.86: Gründung der nach dem Solidarprinzip zu betreibenden Luisenstadt eG durch die Bewohner der Häuser im Block 103 - die Luise soll nach dem Abschluss der Sanierungsarbeiten durch STATTBAU die zwölf Grundstücke mit ca. 250 Bewohnern und ca. 25 Gewerben nach dem Selbstverwaltungsprinzip in Dauererbpacht verwalten und ist daher schon ab der Gründung an den Entscheidungen von STATTBAU beteiligt.

1987 Die Internationale Bauausstellung findet im U-Bahnhof Schlesisches Tor und den Straßenzug Köpenicker- und Schlesische Straße statt.

Mai 1987 01.05.87: Aufgrund der für den Sommer im Bundestag geplanten Aufhebung der Mietpreisbindung und der geplanten Volkzählung kommt es bei dem Kreuzberger Stadtteilfest auf dem Lausitzer Platz zu den heftigsten Krawallen in Kreuzberg seit Kriegsende.

Juni 1987 12.06.87: Am Tag des Ronald Reagan-Besuchs wird der Kiez Kreuzbergs, SO36, abgeriegelt. Die Kreuzberger werden am Verlassen ihres Stadtteils gehindert.

16.06.87: Das BA Kreuzberg sagt die Festwoche im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins ab.

August 87 Der Senator Bau- u. Wohnen, der Staatssekretär und der Bundesbauminister stimmen dem Vorschlag der IBA zu, dass alle geförderten Öko-Anlagen im Block 103 von den Bewohnern bzw. der Genossenschaft selbst betrieben werden sollen, und der Fördergeber aufgrund des Erfahrungsgewinnes auf nachhaltige Mieten verzichtet.

1988 STATTBAU übernimmt Naunynstr. 82.

1990/91 Die Altbau-IBA bzw. S.T.E.R.N. GmbH und die STATTBAU GmbH ziehen sich aus dem Block 103 zurück und übergeben die Grundstücke an die Luisenstadt eG.

1991 STATTBAU übernimmt Oranienstr. 12.

1992 STATTBAU übernimmt Mariannenstr. 47 und 49.