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  • Das Erste Stadterneuerungsprogramm: "Kahlschlagsanierung" und Autobahnring

    Der Wiederaufbau Westberlins ist in vollem Gange und über allem steht das Leitbild der autogerechten Stadt

    Für den Autobahnring rund um die Stadtmitte ist ein Autobahnkreuz auf dem Oranienplatz geplant. In Richtung Treptow soll es bald geradewegs durch SO 36 gehen. Doch dann wird die Mauer gebaut und Kreuzberg gerät buchstäblich über Nacht aus dem Zentrum Berlins ins Abseits. Einkaufsstraßen wie die Köpenicker oder die Schlesische werden zu Sackgassen, die Kunden aus dem Ostteil der Stadt bleiben aus und Geschäfte müssen nach und nach schließen.

    Dass die Teilung Berlins bald aufgehoben werden könnte, glaubt nun, mitten im Kalten Krieg, niemand mehr. Am Autobahnbau hält der Senat laut Flächennutzungsplan von l969 trotzdem fest. Die Folge: in die Häuser, die dem Vorhaben weichen sollen, darunter der Block 103 zwischen Oranien-, Mariannen-, Naunyn- und Manteuffelstraße, wird nicht mehr investiert. Sie sind dem Verfall preisgegeben, die Mieter ziehen weg, erste Straßenzüge werden abgerissen. Das Ende von SO 36, wie der südöstliche Teil Kreuzbergs nach dem einstigen Postzustellbezirk noch heute genannt wird, scheint besiegelt.

    Dabei waren die Quartiere zwischen Kottbusser und Schlesischem Tor wie viele andere Gründerzeitviertel der Stadt nicht nur endlose Schluchten von Mietskasernen, sondern auch eine stadtplanerische Innovation. In den Boomzeiten von Berlins Industrialisierung galt es zwar, möglichst schnell und gewinnbringend möglichst viel Wohnraum für die Massen der Neuzuziehenden zu errichten, doch trotz der dichten Bebauung, die weder Licht noch Luft in Hinterhöfe ließ, die nur so groß sein mussten, dass eine Feuerwehrspritze darin wenden konnte, lässt sich der damalige Baustadtrat James Hobrecht als vielleicht erster Gentrifizierungsgegner betrachten. Er entwickelte die bewährte Berliner Mischung: die Durchdringung der Milieus und die Verbindung von Wohnen und Arbeiten auf einem Grundstück. Großzügige Vorderhäuser mit Beletage und günstigeren Wohnungen je höher das Stockwerk, Hinterhäuser für Arbeiterfamilien, Kellerbehausungen für die Ärmsten und womöglich noch ein Fabrikgebäude im Hof waren idealerweise in einem Gebäudekomplex vereint.

    Wer könne „seine Augen vor der Tatsache verschließen, daß die ärmere Klasse vieler Wohltaten verlustig geht, die ein Durcheinanderwohnen gewährt“, erklärte er sein Modell, das mit Blick auf heutige Debatten über Bildungs- und Integrationspolitik visionär erscheint: „In der Mietskaserne gehen die Kinder aus den Kellerwohnungen in die Freischule über denselben Hausflur wie diejenigen des Rats oder Kaufmanns, auf dem Wege nach dem Gymnasium.“* Doch damit soll nun, weniger als hundert Jahre später, Schluss sein und Kahlschlagsanierung Platz für großflächige, homogene Betonsiedlungen schaffen.

    * Zitiert nach: Der Tagesspiegel, 20. August 2011

    Karin Schneider für die Luisenstadt Homepage
    November 2012