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  • ,,10 Jahre Instandsetzungsforderung" und nichts passiert

    Das Gebiet rund ums Kottbusser Tor ist nunmehr seit bald zwanzig Jahren Sanierungsgebiet, der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum noch immer so groß wie die Geduld gering, vergeblich weiterzuverhandeln

    Die erfolgreichen Besetzungsaktionen im Vorjahr machen Mut: lm Januar werden mit der Naunynstraße 77 und 79, im März mit der Mariannenstraße 48 die ersten Häuser im Block 103 besetzt. Genauer: instandbesetzt. Denn neben dem politischen Akt, sich das existenzielle Gut Wohnraum anzueignen, gilt es ebenso zu demonstrieren, dass diese dem Abriss preisgegebenen Häuser durchaus noch bewohnbar sind. Jetzt heißt es: „Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen“.

    Sympathie und Solidarität im Stadtteil sind groß, alle sind unzufrieden mit der Baupolitik von Senat und Bezirk, klagen über Filz, Korruption und Spekulation. Auch der große Einsatz, mit dem in den Häusern nun Strom- und Wasserleitungen verlegt, Fenster eingesetzt, Dächer und Öfen repariert und sanitäre Anlagen erneuert werden, verschafft den Besetzern viele Sympathisanten für ihre Wohnungsbaupolitik von unten.

    Auf diese können sie auch zählen, als es am 12. Dezember zur sogenannten Schlacht am Fraenkelufer kommt. Als die Polizei die Besetzung des Fraenkelufers 48 verhindert, verbreiten sich Gerüchte, dass am selben Abend noch Häuser geräumt werden sollen. Ein massives Aufgebot der Polizei trifft auf Barrikaden, die die besetzte Admiralstraße 20 schützen sollen. Mit Schlagstöcken und Tränengas werden die Demonstranten zum Kottbusser Tor getrieben, wo Scheiben zu Bruch gehen und ein unvorsichtig zurückgelassener Streifenwagen umgekippt wird – Bilanz der Nacht sind ein Schwerverletzter, der von einem Streifenwagen angefahren wurde, über 200 weitere Verletzte und 66 Verhaftete, von denen einige zunächst zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt werden, die bis auf eine in der Berufung abgewendet werden.

    Dieser 12. Dezember ist eine Zäsur, denn die Polizeigewalt, der sich Hausbesetzer, Unterstützer und Sympathisanten erstmals gegenübersehen, wird als unverhältnismäßig wahrgenommen, die Fronten verhärten sich. Auch in den nächsten Tagen kommt es zu Demos und Auseinandersetzungen, allein am 20. Dezember demonstrieren 15 000 Menschen vor dem Untersuchungsgefängnis in Moabit für die Freilassung der Gefangenen.

    Karin Schneider für die Luisenstadt Homepage
    November 2012