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  • Ton, Steine, Farben

    Bis Mitte März 1981 sind die meisten leer stehenden Häuser im Block 103 besetzt oder teilbesetzt: neben der Mariannenstraße 48 in der Manteuffelstraße die Nummern 40, 41 und 42, in der Oranienstraße die 3 und die 13 sowie die Naunynstraße 77 und 79

    In der Manteuffelstraße 40/41 wird der Bauhof gegründet: eine Sammel- und Vergabestelle für Baumaterialien, wo bald viele Sach- und Geldspenden von Privatpersonen und Handwerksbetrieben eingehen. Auch Werkzeug können sich Besetzer hier leihen.

    Am hohen Spendenaufkommen lässt sich der Grad von Sympathie und Unterstützung der Hausbesetzer in ihrer Umgebung ablesen: Endlich ist hier wieder Leben. Und wie oft hatte es in den leer stehenden Häusern gebrannt – „heißer Abriss“ heißt das. Damit ist es nun vorbei und auch der Vandalismus nimmt ab, die Altkreuzberger fühlen sich wieder sicherer, auch was ihre eigene Zukunft im Stadtteil betrifft. Bald wird ein Blockverbund gegründet, in dem die Bewohner sich über Fragen der Planung und Erneuerung der Häuser genauso austauschen wie über den Widerstand gegen Entmietung und Abriss oder Modernisierung.
    Im Sommer 1981 werden in ganz Berlin 165 Häuser besetzt sein, 86 davon in Kreuzberg, Neubesetzungen werden nun, nach Antritt des neu gewählten CDU-Senats, nicht mehr geduldet. Innerhalb weniger Monate sind die Hausbesetzer Mittelpunkt und treibende Kraft der links-alternativen Szene Westberlins geworden – man muss „einfach in einem besetzten Haus wohnen, zumindest jemanden kennen, der dort häusigt“. An den Moment der Besetzung, diese „ganz einmalige Situation“, wird sich ein Besetzer viele Jahre später erinnern: „... es gab also diesen Moment, viele hatten schon bei anderen Besetzungen mitgewirkt, man stand vor diesem riesen Komplex, alles leer, Fenster rausgehauen, Dächer abgedeckt, 30 Leutchen wie die Berserker eine Fabriketage am verglasen, Strom legen, Klos am einbauen ... Ein riesen Abenteuerspielplatz, Wände entfernen, einen riesen Raum lagermäßig beschlafen ... tagsüber durch die Gegend streifen, Abrisshäuser nach Verwertbarem untersuchen, Demos, Besetzerrat, dann abends am Lagerfeuer Heldentaten erzählen, halt Jäger und Sammler ...“

    Die Parole „Die Häuser denen, die darin wohnen“ beinhaltet auch die Freiheit, mit Formen des Zusammenlebens experimentieren zu können: ,,Wir besetzen nicht nur Häuser. Wir leben in Kommunen oder mehr zusammen als in üblichen Mietshäusern“, heißt es in einem Papier des Kreuzberger Besetzerrats. „Wir wollen den Zusammenhang des Lebens erleben und zwar hier und heute. Wir kämpfen gegen Abriss und dazugehörigen Abrissfirmen. Wir wehren uns in Schule und Betrieb, gegen Konsumterror und jegliche Form von Unterdrückung.“*  

    Schnell werden erste Modelle entwickelt, wie die Sanierung der besetzten Häuser ohne die üblichen Träger und unter Mitbestimmung der Bewohner realisiert werden könnte. Damit wird die von Beginn an heiß diskutierte Frage, verhandeln, nicht verhandeln oder wie verhandeln, immer dringlicher. Die Mehrheit der Besetzer will eine Spaltung der Bewegung verhindern und strebt eine Gesamtlösung an, das heißt Verträge für alle Häuser.

    Erschwert werden Verhandlungen auch, weil zuvor die Gefangenen vom 12. Dezember 1980 freigelassen werden sollen. Dessen ungeachtet wird aber bald klar, dass sich die Forderung nach einem Trägermodell für alle Häuser nicht durchsetzen lässt. Während die einen daraufhin weitere Verhandlungen einstellen, streben andere individuelle Verträge oder Lösungen für mehrere Häuser an – wie im Block 103 –, wieder andere bleiben bei ihrer „Null Bock“-Haltung oder verweigern sich sowieso „dem System“ – die Reaktionen sind so vielfältig wie es eine Bewegung erwarten lässt, in der sich inzwischen mehrere Tausend Menschen der unterschiedlichsten politischen und kulturellen Strömungen versammeln.

    lm Frühjahr 1981 wird das Konzept für den Block 103, das der Mieterladen Dresdner Straße bereits 1979 erstellt hatte, wieder aufgegriffen und unter Beteiligung der Bewohner und der Arbeitsgruppe Altbau der Internationalen Bauausstellung (IBA) zum ersten Blockentwicklungsplan ausgearbeitet. Dem stimmt das Bezirksamt zu, der private Sanierungsträger SAMOG zieht sich zurück. Im September wird der Bauplan für das Sanierungsgebiet Kottbusser Tor auf einer Klausurtagung der Berliner CDU zur Stadterneuerung beschlossen.

    Der parteilose Werner Orlowsky, zwanzig Jahre Drogist in der Dresdner Straße, Mitbegründer einer BI der dort ansässigen Gewerbetreibenden zum Erhalt der Blockstruktur und engagiert im Mieterladen daselbst, wird für die Alternative Liste Kreuzberger Baustadtrat und bis 1989 im Amt bleiben.
    Im Sommer übernehmen Organisationen, Institutionen und Prominente die ersten Patenschaften für einzelne Häuser. Sie stellen Öffentlichkeit her, indem sie über das Leben im besetzten Haus berichten, sie versuchen durch ihre Anwesenheit Räumungen zu verhindern und zwischen den Besetzern und staatlichen Vertretern zu vermitteln. 

    * Alle Zitate aus Susanne Bücher, Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer. Eine Fallstudie zum Wandel alternativer Lebensräume am Beispiel der Luisenstadt Genossenschaft Berlin-Kreuzberg, Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien, Greifswald 2005

    Karin Schneider für die Luisenstadt Homepage November 2012

    Weiterführender Link:
    Häuserkampf (Soziale Bewegung) Academic dictionaries and encyclopedias